Samstag, 16. März 2013

Wie ich vegan wurde, ein Roman

Ich habe vor einigen Jahren schon einmal einige Zeit "vegetarisch" gelebt - zumindest habe ich es damals so genannt, obwohl ich Fisch gegessen habe.
Meine Beweggründe waren sehr unausgegoren und der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass ich mich hauptsächlich deswegen so ernährt habe, weil ich es als schick empfand, etwas Besonderes zu sein und mit diesem wissenden Blick auf der Grillparty "Nein danke, ich bin VEGETARIERIN" sagen zu können. Klar, die Tiere taten mir auch irgendwie leid, aber was ihnen wirklich angetan wird, davon wusste ich damals kaum etwas, und wirklich wissen wollte ich es auch garnicht.
Kein Wunder also, dass das Intermezzo mit der (pseudo-) pflanzlichen Ernährung nur ein relativ kurzes war.

Als mein Mann beschloss, kein Fleisch und keinen Fisch mehr zu essen (über seine Beweggründe und seine wunderbare Initiative "Laufen gegen Leiden" erfahrt ihr hier mehr), habe ich erst einmal mitgemacht, ohne mir wirklich eine eigene Meinung zu dem Thema zu bilden.

Als er wenig später beschloss vegan zu werden, sah die Geschichte schon anders aus. Ich habe mich erst einmal aus den ganzen üblichen Gründen dagegen gewehrt.
Mir war das alles viel zu anstrengend. Ich hatte keine Lust, Etiketten zu lesen. Keine Lust, das ohnehin schon eingeschränkte Angebot von Essens-Möglichkeiten rund um meine Arbeitsstelle noch mehr eingeschränkt zu sehen. Keine Lust auf gewohnte "Genüsse" zu verzichten. Keine Lust, mit Anderen Konfrontationen einzugehen. Keine Lust, mich bei Firmenfeiern und Einladungen erklären zu müssen. Keine Lust, mich einzulesen - weil - jetzt mal Tacheles - wie gesund ist denn so eine vegane Ernährung überhaupt? Und wenn wir schon dabei sind, muss ich dann auch aufhören, Lederschuhe zu tragen? Nee. Viel zu kompliziert alles.

Ungefähr zur selben Zeit bin ich schwanger geworden, und zu der Bequemlichkeit kam die ehrliche Sorge um mein Ungeborenes. Wer schon mal einen Schwangerschaftsratgeber in der Hand hatte, weiß bestimmt genau was ich meine.
Isst man nicht einmal die Woche fetten Seefisch, rotes Fleisch, täglich Geflügel, Joghurt, Milchprodukte, wird man praktisch schon vor der Geburt des Kindes zur Rabenmutter.
Und außerdem, vom Rabenmutter-Dasein ganz zu schweigen - nur so und nicht anders schützt man das Kind vor schwersten Fehlbildungen, Anämie und einem niedrigen IQ. Die Menge des konsumierten Seefischs steht quasi in direktem Zusammenhang mit der Abiturnote des Filius, die ausreichende Menge an verzehrten Milchprodukten ist unerlässliche Prävention für die drohende Osteoporose-Erkrankung der Tochter.
Wird vegane Ernährung überhaupt erwähnt, wird eindringlich davor gewarnt - damit ist eine gesunde Schwangerschaft praktisch auszuschließen, so der einhellige Tenor.

Ich fing an, mich abseits der Schwangerschafts- und Babybücher einzulesen und mir das erste Mal in meinem Leben wirklich Gedanken über meine Ernährung zu machen und wo ich welche Nährstoffe herbekomme. Und wo das Essen eigentlich so herkommt, das ich zu mir nehme.

Jeder kennt das. Man springt von Link zu Link, von Google-Suche zu Google-Suche, treibt sich in Foren rum und liest plötzlich von Dingen, nach denen man nie gefragt hat.

Von Geflügelfarmen. Von Regenwaldabholzung zugunsten von Futtermittel-Mais und -Soja. Stopfleber, und was das bedeutet, im Detail. Von Mastitis. Von wenige Stunden oder Tage alten Kälbern, die von ihren Müttern getrennt werden. Von Ketten, die Schweinen als Spielzeuge dienen sollen. Von Aquakulturen, voll mit wachstumsbeschleunigenden Hormonen und Antibiotika. Davon, dass nur in der Schweiz (als einzigem europäischen Land) Ferkel mit Betäubung kastriert werden. Laktosefreie Milch für eine Milliarde laktoseintolerante Asiaten. Von lebend gerupften Gänsen für Daunenjacken. Von Pangasius, der mit in Schleppnetzen gefangenen Fischen aus dem Meer gefüttert wird. Von Sauen, die mit Gittern vom Bewegen abgehalten werden, damit sie keines ihrer Ferkel in den engen Boxen zerdrücken. Von mit Steuergeldern subventionierter Massentierhaltung um Billigfleisch machbar zu machen. Von durch Massentierhaltung nitratverseuchten, unbrauchbar gewordenen deutschen Böden. Von nach Afrika exportiertem, überproduzierten europäischen Billig-Fleisch, das die Existenzgrundlage der dortigen Bauern zerstört. Von Diabetis, Fettleibigkeit, Herzkrankheiten. Die Liste ist endlos.

Und ohne, dass ich es wirklich geplant habe, kam mit dem neu erworbenen und wieder aufgefrischten Wissen der schleichende Abschied von sämtlichen tierischen Produkten. Eier habe ich nur noch sporadisch als Zutat in Backwaren gegessen, immer mit einem schlechten Gefühl. Und auch Milchprodukte habe nur noch sehr selten gegessen, alle zwei Wochen mal Parmesan über den Nudeln, oder eben auch die Butter als Backzutat im Rosinenbrötchen.
Aber gerade bei Milch saß die gelernte Weisheit, dass Milch gesund und sowieso unerlässlich für das Knochenwachstum sei, einfach zu tief, und so habe ich mich lang nicht getraut, diese ausgerechnet in der Schwangerschaft komplett vom Speiseplan zu streichen. Wobei die Menge an Milchprodukten, die ich zu diesem Zeitpunkt noch zu mir nahm, rückblickend beinahe lachhaft erscheint - selbst wenn Milch unverzichtbar wäre, hätte sie mir und meinem Kind in dieser homöopathischen Menge auch nichts mehr genutzt.

Als mein Sohn auf die Welt gekommen ist, kam zusammen mit dem Stillen das erste Mal wirklich die Konfrontation mit den Gräueln der Milchproduktion und dem tatsächlichen "Nutzen" von Kuhmilch als Nahrungsmittel.
Für mich ist der Gedanke, dass eine Kuh ihr Leben lang zwangsgeschwängert wird um ein Kälbchen nach dem anderen zu gebären, welches ihr ein ums andere Mal weggenommen wird nur damit wir ihre Milch trinken können, zu einer unglaublichen Monstrosität geworden.
Eine Kuh, so wie jedes Muttertier, hat den Drang, sich um ihr Junges zu kümmern und erlebt einen starken Trennungsschmerz, wird es ihr weggenommen. Das Leid des neugeborenen Kälbchens, welches entweder, sofern männlich, mit Milch-Ersatznahrung hochgemästet auf unseren Tellern landet, oder, sofern weiblich, das Schicksal seiner Mutter wird teilen müssen, kann und mag ich mir aus Selbstschutz nicht vorstellen.

Was den gesundheitlichen Aspekt betrifft, ist es meiner Meinung nach ein wunderbares Beispiel, dass jeder stillenden Mutter bei Verdauungs- oder Hautproblemen des Babys als Allererstes geraten wird, die Milchprodukte komplett für mehrere Wochen vom Speiseplan zu streichen - hmmm.... warte mal, war die Kuhmilch nicht so wichtig? Schon komisch, anscheinend geht es, wenn das Kindchen so häßliche gelbe Schüppchen auf dem Kopf hat, plötzlich auch komplett ohne.

Manchmal muss ich mich, obwohl es auch bei mir erst so kurz her ist, noch daran erinnern, dass viele "Omnivoren" einfach tatsächlich das Ausmaß der Auswirkungen der Massentierhaltung (noch) nicht kennen, aber ich bin zuversichtlich. Es wird sich viel ändern.

Und da bin ich nun wo ich bin. Frisch gebackene Mutter und Veganerin. Herzlich Willkommen in meinem Blog!

Kommentare:

  1. Toller Roman :) Hat mir so rightig Spass gemacht zu lesen.

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  2. Liebe Katharina,

    vielen Dank für diesen inspirierenden Bericht! Ich bin seit sieben Jahren mal Vegetarier, dann wieder Pescetarier und nun seit wenigen Tagen Veganer. Ein Veganer mit Kinderwunsch :). Ich bin schon ganz gespannt auf Deine nächsten Einträge - und wünsche Dir und Euch jetzt erstmal ein wunderbares Restwochenende ;)!

    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Vielen dank, liebe Kathrin! Dir einen schönen Wochenstart und viel Spaß beim neuen Veganer-Dasein - ich habe mich damals trotz Schlafentzug wegen des 8 Wochen alten Kindchens und Energie-Entzug wegen des Stillens nach der Umstellung körperlich sehr viel besser gefühlt :).

      Lieben Gruß
      Katharina

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  3. Vielen Dank auch von mir für diesen tollen Bericht!
    Ja, auch ich kenne das von Seite zu Seite hüpfen und bin so hier auf deinem Blog gelandet! :)

    Ich freue mich noch weiter hier rumstöbern zu dürfen!

    Schöne Ostertage!
    Bianca

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    1. Freut mich sehr! Dir auch noch ein schönes (Rest-) Ostern :)
      Katharina

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  4. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  5. Hallo Katharina,

    wie schön das hier zu lesen. Ich bin auch schon seit längerer Zeit Vegetarierin und liebäugelte immer mit dem Veganersein, hab mich aber immer noch gerechtfertigt mit Demeter Milchprodukten. Seit fast 4 Monaten bin ich jetzt Mama und fast so lange ernähre ich mich vegan - fand es auf einmal total abartig Kuhmilch zu trinken und Käse zu essen... Ausschließlich Veganessen tun wir seither daheim, unterwegs find ichs teilweise noch sehr kompliziert muss ich ehrlich gestehen und das mit dem kompletten Korrektsein auch - wo soll man denn da anfangen?

    Liebste Grüße,

    Schnina

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    1. Hallo Schnina,
      ja das stimmt, man kommt irgendwann an einen Punkt, an dem man merkt wo eigentlich überall tierische Produkte enthalten sind und man sich fragt, wo man da überhaupt anfangen soll, das ging mir genauso.
      Für mich war relativ schnell klar, dass ich auch außer Haus vegan essen werde und mir keine Schuhe aus Leder, keine Wolle, keine Seide und keine Kosmetik mit tierischen Bestandteilen mehr kaufen werde.
      Trotzdem sind mir immer wieder "Fehler" unterlaufen, und ich habe zum Beispiel erst nach einer ganzen Weile gesehen, dass mein Gesichtspuder Lanolin enthält. Inzwischen geht das alles besser, man gewöhnt sich ans Etiketten lesen ;) und der DM ist mein Lieblingsladen geworden, da dort bei allen Alverde Produkten ausgezeichnet ist, ob es vegan ist oder nicht.
      Ein Schritt nach dem Anderen - ich freu mich auf jeden Fall immer, wenn ich jemandem begegne, dem es genauso erging :).
      Lieben Gruß
      Katharina

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  6. Hallo, ich bin keine Veganerin, habe aber zwei Enkelkinder, die weitgehendst vegan aufwachsen. Weitgehendst deshalb, weil sie inzwischen in der Kita sind und es dort unmöglich ist, den "veganen Standard" aufrecht zu erhalten. Daher akzeptiert meine Tochter, dass meine Enkelkinder zumindest in der Kita vegetarisch essen dürfen. Was ich auch richtig finde, denn wenn sie es zu sehr verbietet, erreicht sie sicherlich das Gegenteil von dem, was sie möchte. Wir wissen ja alle, dass Verbote geradezu danach schreien, gebrochen zu werden ... :-)

    Anfangs war ich äußerst skeptisch wg. der veganen Ernährung. Ich befürchtete, dass sich die Kinder körperlich und geistig nicht richtig entwickeln. Ich durfte aber inzwischen feststellen, dass sie sich in jeder Hinsicht "total normal" entwickeln und keinerlei Defizite haben. Im Gegenteil, beide Kinder sind sehr aufgeschlossen, fröhlich und entwickeln sich auch sonst altersgerecht.

    Da ich der Meinung bin, dass man mit den Vorurteilen gegenüber der veganen Ernährung langsam aufräumen muss, wollte ich dies einfach mal mitteilen.

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    1. Das freut mich sehr zu hören! Ich denke auch, dass es Zeit wird, mit Vorurteilen aufzuräumen, das ist auch einer der Gründe für diesen Blog. Ich begegne zum Glück im Bekanntenkreis wenig Ablehnung, auch wenn ich fast ausschließlich mit nicht veganen Menschen befreundet bin.
      Was die Kita betrifft, denke ich auch, dass man sich da keiner Illusion hingeben darf, ich möchte mein Kind nicht zu einem Außenseiter machen, indem ich ihm verbiete, dass zu essen, was alle anderen essen.
      Wenn er es selbst nicht will, ist das toll, wenn er es aber möchte, will ich ihn nicht unglücklich machen. Insofern halte ich es ganz mit Ihrer Tochter :).
      Viele Grüße
      Katharina

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